Weinfreunde Gstaad-Saanenland

 

Reise nach Neuchâtel

Dieses Mal benutzten wir zwei Privatfahrzeuge zum Transport der Teilnehmer. Das Weingebiet Neuenburg umfasst die noch selbst Reben besitzende Hauptstadt des gleichnamigen Westschweizer Weinbaukantons, dessen Anbaugebiet sich fast lückenlos vom Neuenburger- bis zum Bielersee erstreckt. Angebaut wird zur Hauptsache Chasselas, der hier rassiger und spritziger als sonstwo in der Schweiz gerät. Eine lokale Besonderheit stellt der sehr früh direkt von der Hefe abgezogene Non-filtré dar. Aber auch der Pinot Noir nimmt eine immer wichtigere Stellung ein. Aus ihm wird nicht nur ein hervorragender Rotwein bereitet, sondern auch der berühmte, nur kurze Zeit in der Maische vergorene Oeil-de-Perdrix und der weiss gekelterte Perdrix Blanche (früher Blanc de Noir). Schliesslich gibt es noch Spezialitäten wie Pinot gris und zunehmend mehr Chardonnay.
Bei ausgezeichnetem Wetter fuhren wir quer durch die halbe Schweiz, via Bulle, Murten bis nach Auvernier zum Maison Carrée der Familie Perrochet, welche uns schon um 10.30 Uhr zu einem Kellerbesuch erwartete. Mitten im romantischen Dörfchen oder auch Städtchen Auvernier steht ein markantes viereckiges Haus, das Maison Carrée, welches wir nach kurzem Spaziergang ganz mühelos fanden. Die «Firma» wurde schon 1827 gegründet und ist seither von Generation zu Generation von derselben Familie geführt worden. Alles sieht auch jetzt noch genauso aus wie zu Zeiten der Gründung des Unternehmens. Leider hatten wir diesmal keinen Fotoapparat mit dabei, denn die Einmaligkeit der uns gezeigten Räume hätte eine Fotoreportage gelohnt. Der Wein wird immer noch genauso vinifiziert wie zu Zeiten der Gründung. Zwei alte Holzpressen fallen uns besonders auf. Diese werden auch heute immer noch ausschliesslich zur Weinerzeugung benutzt.
Dann sind da natürlich auch noch die grossen Original-Eichenfässer, wo der Wein gelagert wird. Die Familie Perrochet will keine modernen blitzenden Stahltanks, sie schwört auf die alteingesessene Art der Weinzubereitung. Die Pflege der Rebberge ist in rascher Umwandlung begriffen. Es ist die Aufgabe des Weinbauern, das Zusammenspiel zwischen Umwelt und Rebstock jedes Jahr besser zu verstehen. Die Qualität der Trauben hängt sowohl von so genannt fixen Faktoren wie Boden, Rebsorte und Klima als auch von veränderlichen Faktoren wie Schnitt, Laubarbeit, Bodenpflege und Schädlingsbekämpfung ab. Gemäss Herrn Perrochet liegen hier die Einflussmöglichkeiten des Weinbauern; durch Beobachtung muss er das richtige Gleichgewicht finden. Die sofortige Wahrung dieses Gleichgewichtes dank neueren Erkenntnissen und Methoden bezeichnet man als «Integrierte Produktion». Sie verwenden dabei heute viel weniger Düngemittel, beobachten aber laufend die Mikro-Fauna ihrer Rebberge, ihre Nützlinge und Schädlinge und brauchen weniger und harmlosere Spritz-Mittel. Nach diesen Grundsätzen gepflegte Reben liefern das Traubengut, aus welchem das Maison Carrée seine Weine keltert. Diese genügen in jeder Beziehung den Anforderungen der Schweizerischen Integrierten Produktion. Wenn die natürliche Sedimentation es erlaubt, füllt die Familie Perrochet gewisse Weinsorten unfiltriert in Flaschen ab. So bleiben die ursprünglichen Eigenheiten voll erhalten. Es kann vorkommen, dass der Kunde in einer Flasche ein leichtes Depot beobachtet. Dafür hat er aber das Vergnügen, einen reicheren und vollständigeren Wein zu geniessen. Insgesamt konnten wir acht verschiedene Weine degustieren (Chasselas Jahrgänge 2001 und 2002 sowie einen Non-Filtré und am Schluss auch noch den ausgezeichneten Vieux Marc. Sämtliche Teilnehmer waren sich einig: das war die beste Degustation anlässlich unserer Reisen seit Beginn vor fast zehn Jahren und trotz den grossen Winzern wie Charles Novelle, Genf, und Raymond Paccot, Féchy, oder Madeleine Gay von Provins. Auf jeden Fall ist das Maison Carrée in Auvernier heute die erste Adresse in Neuenburg. Nach der Degustation genossen wir im Hotel du Vaisseau (direkt am See) in Cortaillod ein hervorragendes Fischmenu. Anschliessend besichtigten wir die Altstadt und insbesondere die Kathedrale von Neuenburg, was uns noch einmal in Begeisterung bringen konnte. Es passte einfach alles an diesem Tag – das Wetter, die Gegend, die Degustation und die Kultur (Neuchâtel). Wir werden diesen Ausflug auf jeden Fall noch lange in sehr guter Erinnerung halten.


Beschreibung der degustierten Weine
Chasselas: Dieser typische Neuenburger Weisswein wird nach althergebrachter Art aus Chasselas-Trauben gekeltert und auf der Hefe gereift. Dadurch sehr gehaltvoll und spritzig, eignet er sich als Aperitif und passt gut zu Vorspeisen, Fisch und Käsegerichten, Temperatur 10 – 12 °C. Preis Fr. 9.50.
Perdrix Blanche: Presst man unzerquetschte Blauburgunder Trauben (Pinot Noir) sofort ab, so gewinnt man diesen goldfarbenen Wein. Gehaltvoll, trocken, kräftig, mit der Finesse des Pinot Noir passt er zu pikanten Vorspeisen. Temperatur 10 – 12 °C. Preis Fr. 12.50.
Oeil-de-Perdrix: Der bekannte Rosé, aus Blauburgunder Trauben gekeltert. Diese werden zerquetscht, und der Saft bleibt vor dem Abpressen kurze Zeit an der Maische stehen, was ihm seine Bernsteinfarbe verleiht. Mit eher leichten, weichen Gerbstoffen passt Oeil-de-Perdrix zu allen nicht allzu scharfen Gerichten oder als Aperitif. Temperatur 10 – 12 °C. Preis Fr. 12.50.
Pinot Noir: Ausschliesslich aus Blauburgunder Trauben gekeltert. Der Saft vergärt an der Maische und ist somit längere Zeit mit den Traubenhäuten in Kontakt: so entsteht ein tiefroter, gehaltvoller Rotwein. Ein Jahr im Eichenfass gelagert. Je nach Jahrgang sehr lagerfähig. Passt zu Fleischgerichten, Wild, Geflügel sowie Käse. Temperatur 14 – 16 °C. Preis Fr. 17.–.
Chardonnay: Aus Trauben gleichen Namens gekeltert und ein Jahr in Eichenfässchen (Piècen oder Barriques) gelagert. Dieser trockene, kräftige Weisswein begleitet vorzüglich pikante Vorspeisen, Meerfischgerichte, Geflügelterrinen und vieles mehr. Temperatur 10 – 12 °C. Preis Fr. 16.50.
Pinot Gris: Die Traubensorte Pinot Gris ergibt einen kräftigen, trockenen, vollmundigen und aromatischen Weisswein. Im Wallis auch Malvoisie genannt. In der Schweiz als Spezialität angebaut. Passt zu Spargeln, Fleischpasteten usw. Temperatur 10 – 12 °C. Preis Fr. 16.50.
Flétri: Trauben der Sorten Chardonnay und Pinot Gris werden im offenen, luftigen Estrich des Maison Carrée auf Gittern über den Spätherbst bis in den Winter hinein getrocknet (=flétri) und Ende Januar abgepresst. Der gewonnene Saft ist so süss, dass die Hefen nicht allen Zucker zu vergären vermögen: so entsteht ein Süsswein. Eichenfassgelagert. Diese Köstlichkeit passt zu Gänseleber, Fromage bleu oder warum nicht zu Schokoladekuchen! Temperatur 8 – 10 °C. Preis Fr. 25.–.
Vieux Marc: Nach sanftem Pressen wird der Traubentrester (Press- oder Gärrückstände) im eigenen Brennhafen gebrannt. Der Marc enthält durch eine mindestens zehnjährige Lagerung im Eichenfass seine goldene Farbe und Finesse. Vieux Marc, grand brut, hors d’âge, Preis Fr. 48.–.

 
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© 2003 Hans Liechti