Weinfreunde Gstaad-Saanenland

 

«Neue Welle aus Spanien», Prioriato

Der lange Lauf des Flusses Ebro, beginnend bei Haro in Rioja Alta, gelangt, was den Weinbau betrifft, in den westlichen Bergen von Tarragona mit dem denkwürdigen Priorato zu wahrhaft ruhmvollem Abschluss. Priorato ist eine Denominaciòn de Origen innerhalb der sehr viel grösseren Denominaciòn  Tarragona und gilt für rund 1840 ha steiler vulkanischer Hanglagen um den kleinen  Ebro-Nebenfluss Montstant. Der Ruhm des Priorato stammt aus der fast gänzlichen Schwärze seines Weins, eines Verschnitts aus Garnacha und Carinena, der einen Alkoholgehalt von bis zu 16 % (manchmal sogar 18 %) und die Farbe in gewissem Mass auch den Geschmack von Brombeeren haben kann. Die interessanten Entwicklungen im Priorato vollziehen sich in den winzigen Bergdorf Gratallops am Flüsschen Siruna. Hier produziert ein halbes Dutzend Boutique-Betriebe erstaunliche Weine von Garnacha, Cabernet Sauvignon, Merlot und auch Syrah, die auf dem Boden mit schieferhhaltigem Untergrund - ähnlich dem Felsgestein des Ribera del Douto und im Portwein- Anbaugebiet am Douro Tal in Portugal - wachsen. Besonders zu nennen sind die Namen von Clos Mogador, Clos l'Obac, Clos Dofi, Clos Martinet und vor allem Clos l'Ermita, der inzwischen dem Vega Sicilia den Rang des teuersten spanischen Weines abgalaufen hat. Er entsteht zu 90 % von der Frucht 100 jähriger Garnacha Reben mit einer aromaverstärkenden Beimischung von 10 % Cabernet Sauvignon. Wieder einmal zeigt sich, welche grosse Rolle die Erfahrung bei der Kelterung spielt : Die Vorreiter des Priorato enttäuschen selten, und in ihren Weinen drücken sich die Tugenden dieses Landstriches aus. Das Rohmaterial ist empfindlich. Man muss intelligent damit umgehen und einiges Risiko auf sich nehmen, wenn man es nicht nur in einen guten Wein, sondern in ein sublimes Kunstwerk verwandeln will. Und das gelingt nicht immer. Unter den neuen Weinen gibt es auch einige Fälle von Oxidation oder Ueberreife, unfehlbare Anzeichen für eine unzureichende Kontrolle der Trauben. Wenn man die Weine des Priorato nicht angemessen behandelt, zeigen sie Fehler - vielleicht häufiger als jeder andere Wein. Immer mehr Winzer im Priorato keltern interessante Weine. Hierbei wagen sie viel mehr, als bei jedem anderen Weintyp - vielleicht auf Grund der kleinen Flaschenzahl, die sie produzieren. Diese Weine sind von einem anderen Stern, ohne Konzessionen an Zartheit, noch an Raffiniertheit. Sie sind eigenwillig, kraftvoll und warm. Solche Weine sollte man unbedingt im Keller haben, auch wenn es nur wenige Gelegenheiten gibt, sie zu trinken. Am heutigen, wundervollen Sommerabend fand das ganze Geschehen auf der Terrasse des Hotels Le Grand Chalet in Gstaad statt. Obschon jedermann sich bei der grandiosen Aussicht aufs Saanenland bereits wie in den Ferien wähnte, degustierten wir. Das heisst, wir verreisten in den Süden, nach Spanien, um Neues zu entdecken. Die meisten der Liebhaber Spaniens denken an Rioja und andere Klassiker des mengenmässig wichtigsten Weinlandes der Welt. Wir aber wollten Neues, Spezielles entdecken. Dafür gibt es das Priorat mit seinen mineralischen, leider sehr teuren Spitzengewächsen und weitere Regionen mit innovativen Winzern. Wir verkosteten das "Neue" bei einer Degustation unter Freunden und anschliessend bei einem kleinen Diner mit Weinen nach unserer Wahl. Insgesamt 16 Mitglieder trafen sich heute. Unter fachkundiger Führung von Franz Rosskogler, Vizepräsident der Weinfreunde Gstaad-Saanenland, durften wir uns ein die Welt der Prioratsweine einführen lassen. Er hatte sich nicht gescheut, neben seinen bereits vorhandenen praktischen Kenntnissen, auch zu Büchern Zuflucht zu suchen, welche die vielen Geheimnisse der Produktion im Priorat, wie sie oben schon geschildert wurde, zu keinem Rätsel mehr machten. Zuerst wurden die sieben Spitzenweine einzeln nacheinander degustiert und kommentiert. Der Vorteil einer kleinen Anzahl Teilnehmer ist der, dass wirklich jedermann zum Wort kam und sich auch eine entsprechend rege Fachdiskussion einstellte. Zum Nachtessen, welches aus einer vorzüglichen Paella oder Cochon de lait rôti au four und spanischem Käse bestand genossen wir alsdann nochmals einen der vorher verkosteten Prioratsweine. Es wurde sehr spät an diesem Abend, aber dafür hat jeder Teilnehmer wiederum ein neues Weingebiet entdeckt. Sicher wird einer der degustierten Weine beim einen oder anderen Mitglied bald im Keller stehen! Danke ans Hotel Le Grand Chalet für seine grosse Gastfreundschaft.       


Beschreibung der degustierten Weine
Clos Les Fites 2000, Priorato: 90 % Garnacha, 10 % Cabernet-Sauvignon, fast tiefschwarze Farbe, Brombeerengeschmack, erstaunlicher Wein, schieferhaltiger Untergrund, schon trinkreif, schöner, runder Abgang, hat noch Potential, Fr- 23.–;
Les Terrasses, Alvaro Palacios, Priorato, 1999: tiefes Rubin-Purpur, riecht nach Amarenakirschen, hat Rauchbouquet, sanftemarmeladige Süsse, sehr würzig im Gaumen, Tabaknoten, überreife Frucht, viel Länge, betörendes Finale, Preis Fr. 38.–;
Roquers de Porrera, Cellar de l'Encastell, Priorato, 1999: Aromen von reifer Frucht, (Pflaumen, Dörrobst) ausserdem gefällt das würzige Holz (Vanille), saftig, das Finalewirkt etwas roh, leicht überreifer Wein, etwas unausgewogen, Preis Fr. 38.–;
Compte Pirenne, La Perla del Priorato, 2000: hervorragendes Aromenspektrum, kleine Schwarze Früchte, Marmelade, etwas Kako, Röstnoten, mineralische Töne, viel Struktur, ebenso viel Körper, süssliche Note im Finale als Ueberrascaung, Preis Fr. 59.–;
Clos Mogador, René Barbier, Priorato, 1995: dunkles Rubin, herrliches Beerenbouquet, ein Hauch Kaffee, zu Kopf steigend, sehr intensiv. Saftiger Gaumen, sehr viel Gerbstoff, daher auch ganz trocken, langer Abgang, mehr als trinkreif (Alter), Preis Fr. 58.–;
Vall-Llach, Celller Val-Llach, Priorato, 1999: elegant, mit blumigen Noten, genau abgestimmter Holzeinsatz, hervorragende Struktur, langer Nachklang, starke Frucht- und Röstnoten, sehr bekömmlich, kann bis 2010 lagern, Preis Fr. 94.–;
L'Ermita, Alvaro Palacios, Priorato, 1995: dunkles Rubin-Granat, offenes Bouquet, reifes Fruchtbild, sanft-süsse Malaga-Noten, fleischiger Gaumen, zeigt viel Körper, leicht, sehr trocken, viel Aromatik im Abgang,  wirklich der Beste, Preis Fr. 285.–


Anektote zur Degustation

Irgendwie hatten die Teilnehmer die Grösse und die Superqualität des Weines aus dem Priorat nach 5 diversen Produzenten noch nicht so richtig erkannt. Franz Rosskogler liess deshalb flugs einen unbekannten Wein degustieren, welcher durch uns zum grossen Teil als sauer, ja fast ungeniessbar bezeichnet wurde, dies vor allem im Vergleich zu den vorher verkosteten Weine. Natürlich war es ungerecht dem Weinproduzenten gegenüber. Wir hatten nämlich einen der besten Schweizer Pinot Noirs, von einem renommierten Winzer, genossen. Das Resultat war niederschmetternd, allerdings wurden dann die beiden letzten Prioratsweine mit viel mehr Vorsicht und vor allem Wertschätzung degustiert. Unter normalen Umständen wären die Mitglieder in Entzücken ausgebrochen, wenn sie diesen Pinot Noir allein oder mit anderen Weinen  hätten geniessen dürfen ! 

 
zurück

© 2004 Hans Liechti